00:11
Willkommen bei Mordlust, einem Podcast über wahre Verbrechen, produziert von der Partner in Crime in Zusammenarbeit mit Studio Bummens. Mein Name ist Paulina Kraser. Und ich bin Laura Wohlers.
00:20
In jeder Folge erzählen wir euch von einem Kriminalfall aus Deutschland. Dabei schauen wir uns juristische, psychologische und gesellschaftliche Aspekte an und sprechen mit Menschen mit Expertise, Beteiligten oder mit Betroffenen.
00:32
True Crime heißt eben auch, dass hinter jedem Fall echte Menschen und ihre Schicksale stehen. Das solltet ihr beim Hören nicht vergessen. Das berücksichtigen wir auch bei unserer Arbeit. Wenn ihr merkt, dass euch bestimmte Themen nicht gut tun, dann passt lieber auf euch auf und skippt die Folge. Und weil wir bei all der Schwere zwischendurch aber auch mal Luft brauchen, erlauben wir uns manchmal kleine Abschweifungen. Das ist aber natürlich nicht despektierlich gemeint.
00:56
Heute geht es um einen Fall, in dem die Suche nach der Identität eines Opfers für die Ermittelnden zu einer regelrechten Odyssee wird. Wir haben mit zwei von ihnen gesprochen, die damals versucht haben herauszufinden, wer die unbekannte Person ist. Und ihre Ermittlungen führen sich zu einer Familie, in der es ein furchtbares Geheimnis gibt.
01:15
Die meisten Namen haben wir geändert und die passende Triggerwarnung findet ihr wie immer in der Folgenbeschreibung.
01:22
Es ist einer dieser tristen Herbstmorgen, als Kriminalhauptkommissar Werner Burger die Tür seines Autos zuschlägt. Wie ein Schleier liegt Nebel über dem kleinen Ort Bad Bayer-Säuen im oberbayerischen Landkreis Garmisch-Partenkirchen und verschafft der idyllischen Berglandschaft etwas Mystisches. Wernaburger läuft über einen asphaltierten Schleichweg, der von Laubbäumen und Gestrüpp flankiert wird. Auf der einen Seite grenzt der Weg an eine grüne Viehweide. Zu anderen rauschen Autos über eine parallel verlaufende Bundesstraße.
01:57
Werner Burger ist ein erfahrener Ermittler. Und doch macht sich an diesem frühen 6. November 2001 Aufregung in ihm breit. Der 41-Jährige mit den kurzen Haaren und dem glatt rasierten Gesicht weiß nicht, was ihn erwartet. Zumindest nicht im Detail. In der Morgendämmerung hatte eine Bäuerin aus ihrem Auto heraus den Leichnam einer Frau auf der Straße entdeckt. Vermutlich wurde sie Opfer eines Tötungsdelikts. Soweit hat die örtliche Polizei ihn bereits gebrieft.
02:27
Als Werner Burger in Begleitung einiger männlicher Kollegen schließlich am Tatort ankommt, genügen wenige Blicke, um zu begreifen. So etwas Brutales hat er noch nie gesehen.
02:38
Die tote Frau zu seinen Füßen liegt beuchlings auf dem kalten, harten Boden. Sie ist nackt. Ihre Arme sind unnatürlich verdreht und ihre Rückseite ist voller Blut und Schmutz. Der Kriminalhauptkommissar muss schlucken. Erst recht, als er bei genauerem Hinsehen eine Art Muster auf Rücken und Beinen erkennt. Sind das etwa Reifenspuren auf ihrem Körper?
03:01
Doch der schlimmste Anblick steht dem Beamten noch bevor. Die Verletzungen an Kopf und Gesicht der Leiche sind so schwer, dass sie die Tote regelrecht entstellen. Egal, welche optischen Merkmale sie zu Lebzeiten auszeichneten, vielleicht Grübchen, hohe Wangenknochen oder Lachfältchen, all diese Dinge sind nun nicht mehr erkennbar.
03:21
Sie wurden ihr ebenso genommen wie ihr Leben. Werner Burger ist schockiert. Die tote Frau wurde offenbar Opfer eines echten Martyriums. Wer sie ist und wer ihr das angetan hat, wissen die Männer vor Ort zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Werner Burger lässt den Tatort weiträumig absperren. Dann beobachtet er, wie Mitarbeitende der Spurensicherung in weißen Anzügen ihre Arbeit aufnehmen. Der Kriminalhauptkommissar funktioniert wie auf Autopilot. Doch er ahnt nicht, dass soeben Ermittlungen begonnen haben, die die Polizei über Jahre beschäftigen werden und die ein mühsam erbautes Lügengerüst letztendlich zum Einsturz bringen werden.
04:05
Paulina, es gibt ja so richtige Zeitfresser und damit meine ich jetzt gar nicht im Sinne, dass jede Minute irgendwie produktiv genutzt werden muss oder so, sondern es gibt ja einfach Dinge, die gemacht werden müssen, aber mega viel Zeit in Anspruch nehmen und einfach keinen Spaß machen.
04:21
Ich kann mir vorstellen, was für Aktivitäten du ungefähr meinst. Bei mir ist das zum Beispiel Pfand wegbringen, Wäsche waschen. Und es sind halt so Sachen, die sind ja nie fertig. Also die sind dann fertig für die Woche und dann musst du sie nächste Woche aber wieder machen. Und das finde ich so frustrierend.
04:37
Ja, Wäsche aufhängen, so anstrengend, nervig.
04:41
Staubsaugen ist ja mein Horror. Ich weiß noch was, Fenster putzen, das ist richtig schlimm. In meiner Wohnung hier habe ich noch nie Fenster geputzt und das wird auch nicht passieren. Bei manchen Dingen denke ich einfach lang.
04:54
Oder bei mir auch einkaufen. Also ich weiß, dass andere das lieben, aber ich könnte wirklich darauf komplett verzichten. Vor allem dieses Hinkommen zu dem Supermarkt oder zu dem Markt, wo auch immer. Ich habe ja kein Auto. Dann durch den Laden latschen, am besten noch durch diese tausend Gänge.
05:11
Da dann alles zusammensuchen, anstellen und dann noch die Einkäufe nach Hause schleppen müssen. Also das nimmt für mich einfach nicht nur Zeit in Anspruch, sondern auch ganz viel Kraft.
05:21
Ja, bei mir ist auch Einkaufen wirklich ein leidiges Thema aus mehreren Gründen. Ich gehe immer zu dem einen Supermarkt, wenn ich da vorher Pilates in der Nähe gemacht habe. Aber wenn es kein Pilates gibt, dann gibt es in der Woche auch keinen Supermarkt. Und das wird hier zum Problem. Es gibt ja so einige Lieferdienste in Berlin, aber da kaufe ich total ungern ein. Erstens, weil sie ganz, ganz viele Angebote nicht haben. Und zweitens, wenn man da frisches Obst und Gemüse kauft. Also das ist wirklich ganz oft auch ein Griff ins Klo.
05:51
Ja, kenne ich auch. Da ist dann zum Beispiel die Melone einfach so klein wie ein Tennisball. Oder der Pfirsich ist komplett schon angedatscht und will man auch gar nicht mehr essen.
06:00
Eben. Wo man bei frischen Produkten keine Abstriche machen muss, ist beim Liefer- und Abholservice von unserem heutigen Werbepartner Rewe. Da kann man seinen Lebensmitteleinkauf einfach online oder über die REWE-App bestellen und sich entweder nach Hause liefern lassen oder fertig gepackt im Markt abholen. Die Produkte werden auch von geschulten Mitarbeitenden ausgesucht, beim Lieferservice in den Lieferlagern und beim Abholservice direkt im REWE-Markt. Die Qualität ist also genauso hoch, wie wenn man selbst im Markt einkaufen würde. Und alles, was gekühlt werden muss, bleibt natürlich auch bis zur Übergabe gekühlt, damit es dann auch frisch bei euch ankommt.
06:33
Ja, sowas ist einfach genau das Richtige für mich. Dadurch entfällt ja dann zum Glück das Einkaufen im Markt, ohne aber dann auf frische Produkte in gewohnter Rewe-Qualität verzichten zu müssen. Und für mich der wichtigste Punkt daran, man spart dabei einfach richtig viel Zeit und Stress und Anstrengung durch Tüten schleppen. Man hat dann immer alles da, was man braucht.
06:52
Weil man bei den Liefer- und Abholzeiten einfach schauen kann, wann es einem am besten passt, ladet euch einfach die Rewe-App herunter, wenn ihr sie noch nicht habt und probiert den Rewe-Liefer- und Abholservice einfach mal selbst aus.
07:03
Alle Infos wie immer auch nochmal in unserer Folgenbeschreibung.
07:14
etwa vier Jahre vor dem Leichenfund, rund 1200 Kilometer von Garmisch-Partenkirchen entfernt. Die Gemeinde Statte im süditalienischen Taranto liegt fernab des Massentourismus, eingebettet in einer mediterranen Landschaft. An vielen Stellen stängeln sich alte, knorrige Olivenhaine in die Höhe. Und auch zum Ionischen Meer ist es nicht weit. Auf den ersten Blick wirkt das Leben in dem kleinen, verschlafenen Städtchen idyllisch und entschleunigt.
07:42
Doch im Jahr 1997 schmeckt der Alltag dort nicht nur nach salziger Meeresluft, sondern auch nach bitterer Unsicherheit. Die italienische Regierung hat jahrelange Subventionen für lokale Unternehmen gestoppt, sodass vielen Betrieben nun der Bankrott droht. Die Menschen in der süditalienischen Gemeinde haben Zukunftsängste. Angst, ihre Arbeit zu verlieren. Angst, ihre Familien nicht mehr ernähren zu können.
08:07
Inmitten dieses wirtschaftlichen Umbruchs gehört Benedetto Rossi zu jenen Menschen, die sich keine Sorgen machen müssen. Der 51-Jährige mit der schlachsigen Statur und den grau melierten Haaren blickt auf einen Kontostand, der ihn nachts ruhig schlafen lässt. Benedetto ist Schiffsbauingenieur. Seit Jahren arbeitet er für ein Unternehmen, das ihn nicht nur gut bezahlt, sondern auch viel herumkommen lässt. Immer wieder muss Benedetto seinen Koffer packen, um beruflich zu reisen. Umso kostbarer sind für ihn die Tage, die er zu Hause im Kreise seiner Familie verbringen kann.
08:40
Benedetto ist verheiratet. Bereits seit über 20 Jahren ist Carola die Frau an seiner Seite.
08:47
Die 41-Jährige mit niederländischen Wurzeln hält zu Hause die Stellung, wenn Benedetto mal wieder beruflich unterwegs ist. Doch auch Carola ist beruflich umtriebig, schon immer gewesen. Das wusste Benedetto bereits, bevor sie vor den Traualtar getreten sind. Carola stammt aus vermögenden Verhältnissen. Sie ist Schmuckhändlerin und hat mit ihrem Beruf dazu beigetragen, dass sie in einem großen Haus wohnen können, mehrere teure Autos in der Garage stehen haben und ihrer Tochter Chiara nahezu alles bieten können.
09:16
Chiara ist Benedettos ein und alles, quasi seine kleine Principessa. Und weil Benedetto weiß, dass sie mit ihren 18 Jahren vermutlich nicht mehr ewig lange zu Hause bei ihnen wohnen wird, genießt er gerade noch jede Minute des Familienalltags zu dritt.
09:31
An einem Septembertag 1997 kündigt das Geräusch der Klingel bei Benedetto zu Hause Besuch an. Der 51-Jährige geht zur Tür, um sie zu öffnen. Kurz darauf steht er einem jungen Mann gegenüber, den er nicht kennt. Der Fremde hat kurze dunkelblonde Haare, deren Strähnen ihm lässig ins Gesicht hängen. Ein Dreitagebart umspielt seinen markanten Kiefer und mit seinen hellen Augen blickt er Benedetto direkt ins Gesicht. Er stellt sich als Giacomo Pellegrini vor. Er sei Zusteller für die Steuerbehörde und hier, weil Benedetto noch eine Steuerschuld begleichen müsse.
10:06
Für Benedetto kommt das unerwartet, doch er bittet den Mann herein. So gebietet es schließlich die Höflichkeit. Der Zusteller ist freundlich. Er überreicht Benedetto die entsprechenden Unterlagen, in denen die Summe vermerkt ist, die Benedetto noch zahlen muss.
10:22
Es ist eine kurze, unspektakuläre Unterhaltung von wenigen Minuten. Dann verabschiedet Benedetto Giacomo Pellegrini wieder, unwissend, dass diese kurze Begegnung sein Leben ganz entscheidend prägen wird.
10:36
So wenige Tage später steht Giacomo Pellegrini wieder vor Benedettos Tür. Dieses Mal hält er jedoch keine Papiere in seinen Händen, sondern Blumen. Mit einem üppigen Strauß vor seiner Brust erklärt er Benedetto, dass er hier sei, um sich zu entschuldigen. Er fühle sich schlecht, weil er seine Familie mit der Steuerschuld so überfallen habe. Deshalb sei er hier, um Blumen für Benedettos Familie abzugeben.
10:59
Ist ja nett, denn wenn ich Mahnbescheide bekomme, weil ich vergessen habe, die Steuervorauszahlungen zu machen, dann steht da niemand mit Blumen vor meiner Tür. Da gibt es nur gelbe Briefe.
11:08
Ja, aber du wohnst auch in Berlin und das ist ein kleines, süßes Städtchen in Italien.
11:14
Und es ist ja vor der Jahrtausendwende.
11:17
Da war alles noch anders. Das waren andere Zeiten.
11:20
Ja.
11:21
Und Benedetto findet das auch nicht merkwürdig oder übergriffig, sondern total nett. Die beiden Männer kommen dann ins Gespräch und Benedetto erfährt, dass Giacomo Pellegrini nur nebenbei als Zusteller für die Steuerbehörde arbeitet. Der Ende-20-Jährige erzählt, dass er zuletzt ein paar Jahre im Ausland gearbeitet habe. Dort habe er promoviert und etwas Geld gespart, mit dem er kürzlich sein eigenes Büro als freiberuflicher Vermessungstechniker gegründet habe.
11:48
Die Tätigkeit für die Steuerbehörde übe er nur aus, um seine Einnahmen als Freiberufler aufzubessern, bevor sein Geschäft so richtig zu florieren beginnt.
11:56
Die Unterhaltung hinterlässt bei Benedetto Eindruck. Und auch Tochter Chiara findet offenbar nicht nur an den mitgebrachten Blumen gefallen, sondern auch an Giacomo selbst. Nach diesem Tag beginnen die beiden, sich zu daten. Regelmäßig beobachtet Benedetto, wie seine Tochter herausgeputzt zur Haustür eilt, um sich mit Giacomo zu treffen.
12:16
Nach einigen Verabredungen ist es schließlich offiziell. Die beiden sind ein Paar. Benedetto freut sich für seine Tochter. Giacomo scheint ein feiner Kerl zu sein, der Chiara gut tut. Außerdem wirkt er wie ein versierter Mann mit großen beruflichen Ambitionen. Als Freund seiner Tochter ist Giacomo nun regelmäßig bei ihnen zu Gast. Häufig sitzen sie gemeinsam beim Essen und verbringen gesellige Stunden miteinander. Benedetto schließt Giacomo immer mehr in sein Herz.
12:46
Vier Jahre später, in Garmisch-Partenkirchen, findet sich Kriminalhauptkommissar Werner Burger nach dem Leichenfund im Münchner Institut für Rechtsmedizin wieder. 1,61 Meter groß, ein Gewicht von 55 Kilo und schulterlange braune Haare. Sehr viel mehr ist es nicht, was der zuständige Rechtsmediziner ihm über das Aussehen der toten Frau mitteilen kann, die am frühen Morgen auf einem Schleichweg entdeckt wurde. Eine hinzugezogene Zahnärztin schätzt ihr Alter anhand ihres Gebisses außerdem auf 25 bis 30 Jahre.
13:19
Die Liste ihrer Verletzungen ist lang. Die Obduktion hat ergeben, dass die Frau schwere Wunden am ganzen Körper hat. Es gibt kaum einen Knochen, der nicht gebrochen wurde. Kaum ein Organ, das unverletzt ist.
13:32
Werner Burger erfährt, dass das Opfer intensiv gewürgt wurde. Das würden ausgeprägte Würgemaler an ihrem Hals belegen. Todesursächlich sei jedoch eine enorme Krafteinwirkung auf ihren Oberkörper gewesen. Mindestens zweimal wurde die Frau laut des Rechtsmediziners von einem Auto überrollt. Unter der Wucht des Fahrzeugs kamen alle ihre Rippen nach. Und auch ihre Leber wurde vollständig zerstört.
13:56
Eine furchtbare Vorstellung. Der Rechtsmediziner geht davon aus, dass die junge Frau beim Überfahren und statt dem Fahrzeug eingeklemmt und mitgeschleift wurde. Das aber vermutlich die massiven Verletzungen in ihrem Gesicht und an ihrem Kopf verursacht. Den Todeszeitpunkt datiert er zwischen 1 und 2 Uhr morgens, etwa 6 Stunden bevor sie aufgefunden wurde. Zudem habe man unter ihren Fingernägeln männliche DNA gesichert. Und es sei durchaus denkbar, dass sie vom Täter stamme.
14:24
Würgen, überfahren, mitschleifen. Werner Burger kann kaum glauben, was er da hört. Die Frau musste Unvorstellbares erleiden, so viel steht fest. Wer auch immer ihr das angetan hat, wollte offenbar sicher gehen, dass sie nicht überlebt. Und noch etwas anderes war dem Täter wohl wichtig. Werner Burger kann sich gut vorstellen, warum die Frau nackt war.
14:45
Zwar hatte die Frau laut der Rechtsmedizin vor ihrem Tod noch Geschlechtsverkehr, das hatte nach der Überzeugung des Kriminalhauptkommissars aber nichts mit ihrer fehlenden Kleidung zu tun. Burger ist sich sicher, dass der Täter das Opfer nach der Tat auszog und sämtliche Kleidung mitnahm, um eine Identifizierung zu erschweren. Denn womöglich wusste die Person, dass die Identität des Opfers auch Hinweise darauf liefern würde, wer die Tat begangen hat.
15:11
Ab sofort arbeiten Werner Burger und seine KollegInnen als Soko-Säun, passend zum Ort des Leichenfundes. Für sie hat es nun oberste Priorität herauszufinden, wer die tote, brutal zugerichtete Frau ist. Doch diese Frage stellt sie vor große Schwierigkeiten. Abgesehen von der fehlenden Kleidung hatte sie auch keinerlei Ausweisdokumente bei sich.
15:33
Zwar hatten PolizeibeamtInnen unter Werner Burgers Aufsicht akribisch jeden Stein am Tatort umgedreht, doch letztendlich waren ein paar geschwungene Goldohrringe, ein lilafarbener Damenslip, einige lose Knöpfe und eine zerbrochene blutige Sektflasche, die sich nur wenige Meter neben dem Opfer befanden, die einzigen sichergestellten Gegenstände, die in durchsichtige Asservatenbeutel wanderten. Und die helfen der Soko nicht weiter. Genauso wenig wie die DNA ihres Opfers. Ein Blick in polizeiliche Datenbanken haben Werner Burger und seine KollegInnen bereits gewagt.
16:06
Dort ist das genetische Profil der Toten nicht hinterlegt, was bedeutet, dass sie noch nie straffällig geworden ist.
16:13
Der Ermittler weiß, um das Verbrechen aufzuklären, brauchen sie mehr. Irgendwas, was aus dem unbekannten Opfer eine Frau mit Namen macht. Dementsprechend euphorisch ist Werner Burger, als die Soko keine 24 Stunden nach dem gleichen Fund einen vielversprechenden Hinweis erhält.
16:31
Kurze Zeit später richten Werner Burger und seine KollegInnen der Soko ihre Blicke auf die gefüllte, blutverschmierte Plastiktüte vor ihnen. Eine Spaziergängerin hatte sie am Nachmittag im Ort Mittenwald entdeckt, als sie im Kiesbett der Isar mit ihrem Hund unterwegs war und daraufhin die Polizei verständigt. Da sich die blutige Tüte nur 45 Kilometer entfernt von jedem Weg befand, wo die Leiche gefunden wurde, stellten die zuständigen PolizistInnen die Vermutung auf, dass es hier einen Zusammenhang geben könnte. Wanderburger und seine KollegInnen streifen sich Handschuhe über.
17:02
Dann machen sie sich ans Werk. Die Ermittlungen ziehen aus der Tüte ein paar Pumps hervor, eine blutgetränkte graue Hose und ein dunkles Halstuch, außerdem einen zerrissenen lilafarbenen BH, eine schwarze Lederjacke sowie eine lilafarbene Bluse. Den BeamtInnen ist sofort klar, diese Kleidungsstücke gehören zu ihrer unbekannten Toten. Die wenigen verbliebenen Knöpfe an der Bluse sehen genauso aus wie jene, die am Tatort sichergestellt wurden. Und auch der BH passt farblich zum zuvor gefundenen Slip.
17:33
Werner Burger hat eine Theorie. Bei dem Fund Orte Tüte handelt es sich um eine abgelegene Nebenstraße am Fluss. Der Täter muss sie daher nach der Tat unachtsam Richtung Fluss geworfen haben, in der Annahme, die Kleidungsstücke würden im Wasser verschwinden.
17:47
Doch da es an dieser Stelle nachts stockfinster ist, wird er nicht gesehen haben, dass die Tasche am Uferbereich gelandet ist. Werner Burger und sein Team hoffen, dass sie Glück haben und in einer der Taschen von Jacke oder Hose eine Brieftasche finden werden. Womöglich halten sie gleich einen Ausweis oder einen Führerschein in ihren Händen.
18:06
Doch letztendlich finden sie nichts dergleichen. Es wäre auch zu einfach gewesen. Dafür fällt den Ermittlenden etwas anderes auf. Einige Kleidungsstücke der Toten stammen aus Italien. Made in Italy ist etwa an den blutbefleckten Schuhen und am Hals durch vermerkt. Und auch die schwarze Lederjacke ist von einer italienischen Marke namens La Mater.
18:27
Werner Burger und seine Kolleginnen überlegen, es könnte sich um einen modischen Zufall handeln, aber vielleicht kommt die Tote ja auch aus Italien. Aber natürlich ist genauso gut möglich, dass sie die Kleidungsstücke auch während eines Urlaubs gekauft hat. Werner Burger und sein Team beschließen daher vorerst, keine voreiligen Schlüsse zu ziehen.
18:46
Kriminalhauptkommissar Werner Burger beauftragt nun ein Mitglied der Soko damit, Vermisstenfälle durchzuschauen, auch international. Der Beamte kämpft sich durch einen regelrechten Aktenberg. Immer wieder gleicht er Fotos und Beschreibungen von vermissten Personen mit den bekannten Merkmalen ihrer unbekannten Toten ab. Doch seine Bemühungen führen ins Leere. Die Tote soll eine junge Frau zwischen 25 und 30 Jahren gewesen sein. Bestimmt hatte sie Angehörige, Eltern, Geschwister oder andere Menschen, denen sie wichtig war.
19:18
Wie kann es sein, dass niemand sie bisher als vermisst gemeldet hat? Schließlich liegt ihr Leichnam bereits seit Tagen in der Rechtsmedizin.
19:26
Für Werner Burger kommt es nicht in Frage, dass die tote Frau eine Unbekannte bleibt. Sie müssen erfahren, wer sie ist. Sowohl um ihretwillen, als auch um ermitteln zu können, wer sie auf so brutale Weise aus dem Leben gerissen hat.
19:39
Und dazu setzen sie nun auf Mithilfe der Bevölkerung.
19:43
Etwa zwei Wochen nach dem Leichenfund in Bad Bayer-Säuen gibt die Polizei eine Öffentlichkeitsfahndung raus. Mit Plakaten, die sich fortan an öffentlichen Orten wiederfinden, macht sie auf den Fall aufmerksam und bittet die Menschen um Hinweise. Auf den Plakaten sind die gefundenen Kleidungsstücke der Toten abgebildet. Aber auch ein Foto ihres verletzten, entstellten Gesichts. Werner Burga und sein Team haben lange mit sich gerungen, haben sie uns erzählt, ob sie der Öffentlichkeit diesen Anblick zumuten können. Aber ihre Hoffnung war halt damals groß, die Ermittlungen so endlich voranzubringen.
20:16
Und deswegen haben sie sich dann dafür entschieden, ein Schwarz-Weiß-Bild der Toten zu veröffentlichen, quasi um diesen grausamen Anblick ein bisschen erträglicher zu machen. Sie hatten die Hoffnung, dass sich vielleicht jemand meldet, der die Tote erkennt oder dem ihre Kleidungsstücke bekannt vorkommen. Doch der entscheidende Hinweis bleibt aus.
20:36
Werner Burger ist enttäuscht. Seit Wochen laufen die Ermittlungen. Tag für Tag stecken er und seine KollegInnen die Köpfe zusammen und setzen alles daran, die Identität des Opfers zu klären. Der Fall ist längst zum Mittelpunkt in Werner Burgers Alltag geworden, auch über die Dienststelle hinaus. Jeden Morgen, wenn der 41-Jährige die Augen aufschlägt, denkt er an die namenlose Tote und geht beim Zähneputzen gedanklich alle bisherigen Ermittlungsschritte durch.
21:01
Mit jedem Tag wächst eine Frustration. Sie haben eine Leiche, Kleidungsstücke und höchstwahrscheinlich sogar Täter-DNA. Doch all diese Puzzlestücke ergeben noch immer kein Gesamtbild. Der Druck auf das Team ist groß. JournalistInnen fragen regelmäßig nach dem Stand der Ermittlungen und bis Weihnachten wollen sie den Fall unbedingt gelöst haben. Da bis dahin nur noch etwa vier Wochen bleiben, weiß Werner Burger, sie müssen endlich vorankommen.
21:27
Einige Wochen nach dem Leichenfund stoßen die Mitglieder der Soko dann auf eine neue Spur. Die Ermittlenden haben herausgefunden, dass die Ohrringe der Toten, die am Tatort gefunden wurden, von einem Schmuckhändler aus Vicenza, einer Stadt in Norditalien, stammt. Italien rückt damit erneut in den Fokus der Ermittlungen. Schon die Kleidungsstücke des Opfers trugen vielfach das Etikett »Made in Italy«.
21:49
Werner Burger und seine Kolleginnen weiten ihre Ermittlungen deshalb auf Italien aus. Besonders die Jacke des Opfers könnte ihnen dabei helfen. Beamtinnen des Bayerischen Landeskriminalamtes haben ermittelt, dass das Lederkleidungsstück der Firma La Mater Teil einer Musterkollektion ist, von der lediglich 14 Exemplare produziert wurden. Legt die Firma ihre Vertriebswege offen, könnte sich nachvollziehen lassen, in welche Geschäfte die Jacken geliefert wurden und die Ermittlungen der unbekannten Toten einen entscheidenden Schritt weiterbringen. Um diese Spur zu verfolgen, macht sich ein Mitglied der Soko daraufhin persönlich auf den Weg nach Italien.
22:24
Es ist Kriminalhauptkommissar Edwin Schupp. Der Anfang 40-Jährige mit dem kurzen vollen Haar und den weichen Gesichtszügen ist nur wenige Wochen nach Leichenfund zur Soko-Säunen dazugestoßen. Nun soll er sich um sämtliche Ermittlungen kümmern, die einen Bezug zu Italien haben. Und dazu gehört auch ein Besuch bei der Lederwarenfirma La Mater.
22:45
Edwin Schupp hat als deutscher Beamter keine polizeilichen Befugnisse im Ausland. Natürlich hätten er und seine Kollegen bei den italienischen Behörden ganz offiziell ein Rechtshilfeersuchen stellen und darüber an die Verkaufsunterlagen gelangen können. Edwin Schupp ist aber optimistisch, dass die Geschäftsführung von La Mater sich kooperativ zeigen wird, wenn sie erfährt, worum es geht.
23:05
Doch die Chefin des Unternehmens mauert. Als Edwin Schupp sie bittet, die Verkaufsunterlagen der Musterkollektion einsehen zu dürfen, blockt sie ab. Auf die Schnelle könne sie ihm nicht helfen, sagt sie. Sie werde schauen, was sie findet und sich wieder bei ihm melden. Edwin Schupp verlässt Lamatta daraufhin mit einem unguten Gefühl. Den Ermittler beschleicht die Vorahnung, dass die Frau sich nie bei ihm zurückmelden wird. Und damit soll er Recht behalten.
23:31
Um die Spur nach Italien dennoch zu verfolgen, suchen die Ermittelnden auch dort die Öffentlichkeit. In der Sendung Chila Visto, quasi das italienische Format, das man mit Aktenzeichen XY vergleichen kann, stellt ein Soko-Beamter den Fall vor.
23:45
Ja, nur eine shady Variante. Wir erinnern uns, wir hatten mal den Fall über die Sarah, die verschwunden ist. Und da wurde ja ihre Mutter live damit konfrontiert, dass ihre Leiche gefunden wurde, glaube ich, in einem Brunnen, dass sie einen Hinweis bekommen hatten. Und die haben die Kamera drauf gehalten und dafür am Ende auch ordentlich Kritik kassiert, zu Recht.
24:06
Das war richtig unangenehm, auch mit anzugucken. Ja, und da wird der Fall eben vorgestellt, weil zumindest die Hoffnung besteht, dass vielleicht ja in Italien irgendjemand die Tote oder zumindest ihre Kleidungsstücke wiedererkennt. Doch auch dieser Ansatz verläuft für den Moment im Sande. Und die Soko um Edwin Schupp und Werner Burger muss sich eingestehen, dass sie immer noch kein Stück weiter ist.
24:29
Wenige Monate später. Auf einem Friedhof hat sich eine Gruppe Menschen vor einer leeren Grabstelle versammelt. Sie sind heute hergekommen, um einer Frau die letzte Ehre zu erweisen, die brutal aus dem Leben gerissen wurde. Eine Frau, die sie selbst nicht kannten. Vier Monate nach dem Leichenfund auf dem Schleichweg in Bad Bayer-Soyen ist am heutigen 12. März 2002 der Tag gekommen, an dem die unbekannte Tote bestattet wird.
24:55
Auch BeamtInnen der Soko sind unter den Trauergästen. Während ein Pastor ein paar warme Worte spricht, richten die Anwesenden ihre Blicke auf den schlichten Sarg aus Eichenholz. Danach wird er nach und nach herabgelassen, bis er schließlich ganz unter dunkler, kalter Erde verschwindet.
25:12
Für die Soko-Säuen hat die anonyme Bestattung Symbolcharakter.
25:16
Schmerzhaft macht sie den Ermittlenden bewusst, dass sie noch immer keine Ahnung haben, wer die Tote ist. Es gibt keine Lieblingsmusik, die gespielt wird, kein Foto, das an sie erinnert und keine Angehörigen, die an ihrem Grab Abschied nehmen. Und so findet die Unbekannte ihre letzte Ruhe genauso, wie sie im November vergangenen Jahres leblos auf der Straße gefunden wurde. Als namenloses Opfer.
25:40
Im Frühjahr 2002 steht die Soko-Säuen vor einer ernüchternden Bestandsaufnahme. Bis Weihnachten wollten sie das Rätsel um die unbekannte Tote lösen. Ein Ziel, das sie nicht erreicht haben und das auch aktuell nicht in Sichtweite ist. Die ungeklärte Identität der getöteten Frau beschäftigt sie seit mittlerweile einem halben Jahr. Soko-Leiter Werner Burger und Kriminalhauptkommissar Edwin Schupp befinden sich in einer Sackgasse. Dabei haben sie alles versucht. Wie kann es sein, dass niemand ihr mysteriöses Opfer vermisst?
26:12
Haben sie was übersehen? Sind sie vielleicht an irgendeinem Punkt bei den Ermittlungen falsch abgebogen? Wieder und wieder gehen die beiden Beamten alle bisherigen Schritte und Erkenntnisse durch. Und letztendlich ist es Edwin Schupp, der vorschlägt, noch einmal an den Anfang zurückzukehren. Zur Leiche.
26:30
Eine Zahnärztin hatte die Tote kurz nach Leichenfund anhand ihres Zahnstatus auf 25 bis 30 Jahre geschätzt. Vielleicht liegt genau dort der Fehler. Die Soko-Säulen gibt ein neues zahnmedizinisches Gutachten in Auftrag und wenig später liegt das Ergebnis vor, das tatsächlich alles ändert. Das unbekannte Opfer war laut neuem Gutachten keinesfalls in den 20ern. Die Frau war eher 40, vielleicht sogar 50.
26:58
Es ist eine Erkenntnis, mit der ein Großteil der bisherigen Ermittlungsarbeit wie ein Kartenhaus in sich zusammenfällt. Edwin Schupp und Werner Burger können es nicht fassen. All die Monate haben sie womöglich nach einer viel zu jungen Frau gesucht.
27:14
Etwa vier Jahre zuvor hat Benedetto Rossi im italienischen Statte Grund zum Feiern. Tochter Chiara und Freund Giacomo haben sich verlobt. Nach etwa einem Jahr Beziehung hat Giacomo um Chiaras Hand angehalten und ist offensichtlich bereit, das nächste Kapitel ihres gemeinsamen Lebens zu schreiben. Benedetto könnte über diese Entwicklung kaum glücklicher sein. Giacomo ist für ihn der perfekte Schwiegersohn. Seine Tochter ist glücklich und Benedetto selbst hat ihn gerne um sich. Für den inzwischen 54-Jährigen ist Giacomo inzwischen zu einem echten Freund geworden.
27:47
Trotz der über 20 Jahre Altersunterschied hat Benedetto das Gefühl, in Giacomo einen Gleichgesinnten gefunden zu haben. Für ihn ist es deswegen selbstverständlich, dass er sich Giacomo gegenüber großzügig zeigt. Immer wieder drückt er ihm die Schlüssel für die Familienautos in die Hand, damit Giacomo sie für berufliche Zwecke nutzen kann. Und hin und wieder leiht er ihm auch Geld. Für Benedetto ist das keine große Sache. So macht man das innerhalb einer Familie nun mal. Und wenn er doch einmal zögert, dann ist Ehefrau Carola mittlerweile diejenige, die ihn davon überzeugt, den Verlobten ihrer Tochter finanziell zu unterstützen.
28:22
Benedetto ist aufgefallen, dass sich die Einstellung seiner Frau zu Giacomo im Laufe der Zeit deutlich verändert hat. Anfangs wirkte sie ihm gegenüber noch irgendwie skeptisch, gar argwöhnisch. Doch im Laufe der Zeit ist sie fast zu seiner Fürsprecherin geworden.
28:37
Carola legt großen Wert auf Giacomos Meinung. Hin und wieder brezelt sie sich sogar auf, um mit ihm und Tochter Chiara auszugehen. Manchmal ist die Regel recht beleidigt, wenn die beiden ohne sie gehen. Benedetto ist froh, dass Carola Giacomo mittlerweile so warmherzig begegnet und ihn offensichtlich genauso in ihr Herz geschlossen hat wie er. Nur was dahinter steckt, ahnt Benedetto zu dieser Zeit noch nicht, denn seine Frau hütet ein Geheimnis, das bald in einer gewaltsamen Tragödie enden wird.
29:11
Paulina, wir beide sind ja technisch manchmal so ein ganz kleines bisschen hinterher. Was meinst du? Naja, also ich bin jedenfalls oft überrascht, was Technik so alles kann.
29:21
Genau, ich habe diverse Geräte, von denen ich immer wieder überrascht bin. Auch neulich gab es auf Instagram Leute, die uns da was von irgendwelchen Funktionen erzählt haben. Also ich frage mich immer so, seit wann geht das und wieso hinke ich da so hinterher?
29:33
Ich weiß, was du meinst. Und ich habe auch noch was Neues. Und zwar, wusstest du, dass man Anrufe von seinen Lieblingskontakten sofort erkennen kann? Wie meinst du das? Ja, also man will ja eigentlich auch nicht ständig bei jedem rangehen. Ich finde telefonieren ja eh ganz schlimm.
29:50
Und beim neuen Google Pixel 11 Pro kann man einfach seine Lieblingskontakte auswählen und ihnen jeweils eine Farbe zuordnen. Und wenn man das Handy dann mit dem Display nach unten auf den Tisch legt und einer dieser Kontakte anruft, leuchtet hinten auf der Kameraleiste ein Licht in genau dieser Farbe auf. Und so weiß man dann quasi sofort, wer sich meldet, ohne das Handy überhaupt umzudrehen.
30:12
Das finde ich praktisch. Ich glaube, ich würde dir Rot geben. Warnung.
30:15
So Alarm. Rate, welche Farbe ich für dich gewählt habe. Gibt es schwarz? Also wäre vielleicht passend gewesen, aber auch passend, ich habe dich in diesem wunderschönen Blau eingespeichert, das du ja auch für die Anmerkungen in den Skripten immer verwendest.
30:32
Das Ding ist, ich habe ja tatsächlich deine Freundin Magda bei mir eingespeichert mit so Sirenen-Emojis und Magda nicht anrufen, weil ich deine Freundin so oft aus Versehen angerufen habe, wenn ich unsere Mitarbeiterin Magda anrufen wollte. Ja, ich weiß. Das wäre dann für deine Freundin ja auch super, weil wenn die dann sehen würde, das Handy, das leuchtet hier in einem Pink, weiß sie gleich, das ist die Paulina, da muss ich nicht rangehen, die ruft hier schon wieder falsch an.
30:59
Ja.
31:00
Und diese Funktion ist übrigens nur für Google Pixel 11 Pro Smartphones verfügbar. Da stecken richtig viele smarte KI-Funktionen drin, die einem den Alltag erleichtern. Und falls ihr jetzt überlegt zu wechseln, geht das super unkompliziert. Fotos, Textnachrichten und sogar die eSIM lassen sich ganz einfach kabellos vom alten Smartphone aufs Google Pixel 11 Pro übertragen. Und mit den Schritt-für-Schritt-Anleitungen auf dem Smartphone findet man sich auch direkt zurecht.
31:29
Das klingt sehr verlockend. Alle Infos zum neuen Google Pixel Pro findet ihr wie immer auch nochmal in unserer Folgenbeschreibung. Das korrigierte Alter der unbekannten Toten hat die Ermittelnden kein Stück weitergebracht. Neue Vermisstenmeldungen mit dem richtigen Alter brachten ebenfalls nicht den erhofften Durchbruch.
31:53
Im August 2002 wird die Soko-Säuen nach neun Monaten aufgelöst. Werner Burger und Edwin Schupp gehören zu den wenigen, die weiter ermitteln. Doch die einzige Spur, die ihnen noch bleibt, ist die Lederjacke der Toten. Jenes Modell der Firma La Matta, von der es nur 14 Stück gibt. Mit ihrer mangelnden Kooperationsbereitschaft hatte die Chefin des Unternehmens verhindert, das sich nachvollziehen ließ, an welche Geschäfte die Jacken geliefert worden waren.
32:19
Um da nochmal anzusetzen, beschließen Werner Burga und Edwin Schupp nun, ein neues Kapitel in den Ermittlungen einzuleuten. Es wird Zeit, offiziell mit den italienischen Behörden zusammenzuarbeiten. Die BeamtInnen stellen ein Rechtshilfeersuchen. Sie hoffen auf die Unterstützung der italienischen Behörden und eine Genehmigung für die Durchsuchung von Lammata. Doch bis diese vorliegt, vergeht über ein Jahr. Erst im Oktober 2003 halten Werner Burga und Edwin Schupp den Durchsuchungsbeschluss in den Händen.
32:50
Fast zwei Jahre nach dem Leichenfund auf dem Schleichweg findet sich Edwin Schupp daher erneut in den Räumlichkeiten von La Mata wieder. Dieses Mal an der Seite italienischer BeamtInnen. Die Finanzpolizei, die sogenannte Guardia di Finanza, wird die Deutschen fortan bei den Ermittlungen unterstützen. Edwin Schupp hatte den Tipp bekommen, sich nicht an die Carabinieri zu wenden, die eigentlich für Tötungsdelikte zuständig sind, weil die Guardia di Finanza insbesondere bei Geschäftsleuten großen Respekt genießt.
33:21
Schupps Rechnung geht auf. Die Chefin der Firma wirkt zwar überrascht, als sie ihn wieder sieht, doch nun, wo er einen Durchsuchungsbeschluss und die italienischen Finanzbeamten im Schlepptau hat, überreicht sie bereitwillig alle Geschäftsunterlagen, die die Lederjackenkollektion betreffen.
33:36
14 Exemplare Bei dieser überschaubaren Stückzahl dürfte es ein leichtes sein, die italienischen Geschäfte abzuklappern, an die sie gingen. Doch nach umfangreichen Durchschauen der Unterlagen wird klar, die Jacken sind Musterstücke, die noch vor offizieller Verkaufssaison an Ausstellungsflächen auf der ganzen Welt gingen. Nach den Modeschauen gingen sie dann zurück in die Fabrik von La Matta. Und welche Händler sie anschließend bekamen, geht aus den Dokumenten nicht hervor. Damit ist die Hoffnung, den Weg der Jacke zum Opfer schnell zurückverfolgen zu können, erst einmal dahin.
34:09
Edwin Schupp und Werner Burger stellen sich auf aufwendige Ermittlungsarbeiten ein. Sie gehen davon aus, dass sie nun viel Zeit und Mühe aufwenden müssen, um herauszufinden, in welchen Geschäften die 14 Jacken letztendlich gelandet sind. Vermutlich bleibt ihr Opfer also noch länger eine Jane Doe. Im englischsprachigen Raum werden unbekannte Tote ja häufig so bezeichnet. Der Name gilt als Platzhalter für Frauen, deren Identität noch ungeklärt ist und wird dann so lange verwendet, bis sie identifiziert werden kann.
34:41
Doch dann erhalten Werner Burger und Edwin Schupp Ende November 2003 ein Fax aus Italien. Und das soll nach über zwei Jahren Ermittlungen endlich den großen Durchbruch bringen.
34:52
Am 23. Dezember 2003 finden sich Werner Burger und Edwin Schupp in einem Büro der italienischen Guardia di Finanza wieder. Die beiden Ermittler sind aufgeregt. Womöglich erhalten sie heute, einen Tag vor Heiligabend, ein verfrühtes Weihnachtsgeschenk, die Identität ihrer unbekannten Toten.
35:10
In den vergangenen Wochen haben sich die Ermittlungen regelrecht überschlagen. Begonnen hatte alles mit einem Fax der Firma LaMatta. Eine Mitarbeiterin hatte sich die Aufzeichnung der Sendung Jela Visto, in der der Fall vorgestellt wurde, noch einmal angeschaut, ließ es darin. Dabei sei ja ein Detail an der Jacke der Toten aufgefallen. Auf einem Etikett im Innenfutter sei neben dem Firmennamen La Mater noch der englische Satz »You got to move« vermerkt. Bisher waren die Ermittlerinnen davon ausgegangen, dass dies ein Erkennungsmerkmal der Musterkollektion ist.
35:41
Doch die Frau hatte klargestellt, dass dieser Zusatz nur in neun der insgesamt 14 Jacken stehe. Und die seien alle an einen und denselben Händler gegangen. Ein Outlet-Store im italienischen Mestre, nahe Venedig. Die italienischen Ermittlerinnen haben diese Spur verfolgt. Aus den Geschäftsunterlagen des Outlet-Stores ging hervor, dass zwei dieser Jacken mit Kreditkarte bezahlt worden waren. Eine davon von einer Frau, so kam bei den Ermittlungen heraus, die seit 2001 keine Steuererklärung mehr eingereicht hatte.
36:13
Jenem Jahr, in dem die Tote in Oberbayern gefunden worden waren.
36:17
Vom zuständigen Einwohnermeldeamt hat die italienische Polizei nun ein Foto ihres Personalausweises angefordert. Und das bekommen Edwin Schupp und Werner Burger jeden Augenblick in dem Büro der italienischen Guardia di Finanza zu sehen. Gespannt richten sie ihre Augen auf den Bildschirm des Polizeicomputers, auf dem sich langsam das Bild lädt.
36:36
Zuerst sehen Burger und Chub die blasse Haut eines Halses, dann glatte braune Haare, dann geschwungene goldene Ohrringe. Der Mittler erkennt die Schmuckstücke sofort. Es sind jene Ohrringe, die am Tatort gefunden worden waren. Als das Foto schließlich vollständig geladen ist, schaut die Frau auf dem Monitor sie an. Sie hat ausgeprägte Wangenknochen, schmale Lippen und sanfte braune Augen.
37:00
Den deutschen Beamten ist sofort klar, das ist sie. Das ist ihr Opfer. Die Frau, die nackt und brutal zugerichtet auf einem Schleichweg gefunden worden war. Und nun hat sie nicht nur endlich ein Gesicht, sondern auch einen Namen. Die Tote heißt Carola Jansen.
37:19
Die erste entscheidende Frage in diesem Fall ist nun, nach mehr als zwei Jahren Ermittlungsarbeit, endlich geklärt. Jetzt aber muss die zweite beantwortet werden. Wer hat Carola Janssen das angetan? Um das herauszufinden, versuchen die italienischen Ermittler nun mehr über sie in Erfahrung zu bringen. Von ihren KollegInnen in Italien erfahren Werner Burger und Edwin Schupp, dass Carola Janssen Familie hatte. Ein Mann namens Benedetto Rossi und eine erwachsene Tochter namens Chiara. Eine Tatsache, die die Kriminalhauptkommissare irritiert.
37:52
Wieso haben Ehemann und Tochter Carola Janssen nie vermisst gemeldet? Womöglich, so nehmen die beiden an, hat ihre Familie etwas mit ihrem grauenvollen Tod zu tun.
38:02
Kurze Zeit später findet sich Ermittler Edwin Schupp mit Beamtinnen der Guardia di Finanza vor einem Mehrparteienhaus im norditalienischen Mestre wieder. Die italienischen Kolleginnen haben herausgefunden, dass Benedetto Rossi und Tochter Chiara hier seit einigen Jahren gemeldet sind. Die Ermittlerinnen möchten mit Benedetto und Chiara sprechen und von ihnen wissen, warum sie die damals 45-Jährige nie vermisst gemeldet haben.
38:26
Edwin Schupp und die Finanzbeamtinnen klingeln mehrmals. Doch weder Benedetto noch Chiara scheinen zu Hause zu sein. Im Gespräch mit einer Nachbarin erfahren sie, dass Benedetto, Carolas Ehemann, ihr gegenüber behauptet habe, Witwer zu sein.
38:42
Bei Edwin Schupp klingeln die Alarmglocken. Warum sagt er sowas? Warum würde er seine Frau als tot bezeichnen, ohne das sicher zu wissen? Über seinen Arbeitgeber erreichen die Beamtinnen der Guardia die Finanza den 58-Jährigen schließlich persönlich.
38:57
Unter dem Vorwand einer Steuerangelegenheit verabreden sie sich mit ihm für ein Gespräch, bei dem auch Edwin Schupp und Werner Burger dabei sein werden. Sie sagen Carolas Ehemann bewusst nicht, worum es wirklich geht. Sie wollen vermeiden, dass sie sich vorher etwas zurechtlegen kann.
39:13
Das Gespräch ist als Zeugenaussage geplant, trotzdem ist es möglich, dass sie anschließend offiziell einen Tatverdächtigen haben, eventuell sogar dem Mörder gegenüber sitzen, der Carola nicht nur umgewacht hat, sondern sie so schrecklich zugerichtet hat, dass sie jahrelang nicht wussten, wer die Frau überhaupt ist.
39:32
Es ist der 13. Januar 2004, als die Beamtinnen Benedetto Rossi in einem Raum der italienischen Finanzpolizei in Genua gegenüber sitzen.
39:41
Der 58-Jährige mit dem grau melierten Haar und der schlanken Statur scheint verwirrt über die Tatsache, dass sich im Raum nun ungewöhnlich viele BeamtInnen wiederfinden. Auch die Anwesenheit deutscher Polizisten wie Edwin Schupp scheint ihm suspekt.
39:56
Die PolizistInnen teilen Benedetto mit, dass es nicht um seine Steuern geht, sondern um seine Frau Carola. Vor über zwei Jahren sei in Garmisch-Partenkirchen eine Frauenleiche gefunden worden und sie vermuten, dass es sich dabei um Carola handelt. Benedetto wirkt geschockt. Mord platzt es aus ihm heraus.
40:16
Eine Frage, die die Ermittelnden stutzig macht. Von einem Mord haben sie schließlich noch gar nichts gesagt. Benedetto bittet darum, Fotos der Toten sehen zu dürfen. Die BeamtInnen zögern, kommen seinem Wunsch schließlich aber nach. Benedetto betrachtet das Bild des völlig entstellten, blutverschmierten Gesichts. Kurz darauf beginnt er zu weinen und erklärt den Ermittlenden unter Tränen, dass es sich um Carola handeln muss. Trotz der schweren Verletzung habe er sie unter anderem an ihren unterschiedlich großen Nasenlöchern erkannt.
40:47
Auch die Ohrringe auf einem weiteren Foto ordnet er eindeutig seiner Frau zu. Benedettos heftiges Schluchzen erschüttert seinen Körper regelrecht. Dann beginnt Benedetto zu erzählen und macht den BeamtInnen klar, dass er bis eben davon ausgegangen war, dass seine Frau ihn verlassen und sich ein neues Leben aufgebaut habe. Es sei bereits gegen Abend gewesen, als Benedetto am 17. Oktober 2001, also wie wir heute wissen etwa drei Wochen bevor Carolas Leiche in Deutschland gefunden wurde, von einer Geschäftsreise nach Hause zurückgekehrt sei.
41:20
Gegen Mittag habe er noch mit Carola telefoniert. Sie habe ihn gefragt, was er sich zum Abendessen wünsche.
41:26
Als er später sein Gepäck abgestellt habe und durchs Haus gelaufen sei, sei seine Frau jedoch nicht da gewesen. Zunächst habe ihn das nicht beunruhigt. Carola sei bereits seit dem Nachmittag telefonisch nicht mehr erreichbar gewesen, doch dabei habe er sich gar nichts gedacht.
41:42
Dann sei sein Blick auf den Safe gefallen. Er habe offen gestanden und einige Schmuckstücke von Carola hätten gefehlt. Daraufhin habe Benedetto seine Tochter Chiara und ihren Verlobten Giacomo verständigt. Gemeinsam hätten sie Freundinnen und Verwandte angerufen und gefragt, ob jemand Carola gesehen habe.
42:00
Doch niemand habe gewusst, wo sie sich aufhalte. Auch ihre Familie in den Niederlanden nicht. Schließlich habe Chiara einen an sie adressierten, handgeschriebenen Brief ihrer Mutter gefunden. Darin habe Carola geschrieben, dass sie die Entscheidung getroffen habe, wegzugehen und sich anderswo ein neues Leben aufzubauen. Benedetto schildert den Ermittlenden, dass er sich vor den Kopf gestoßen gefühlt habe. Dass seine Frau ihn verlassen habe, sei das eine gewesen. Dass sie jedoch einfach verschwunden sei, ohne zuvor das persönliche Gespräch mit ihm zu suchen, habe er nicht von ihr erwartet.
42:33
In den folgenden Wochen seien immer wieder Briefe und Postkarten aus Österreich eingetroffen, in denen Carola ihrer Tochter geschrieben habe, dass sie sie vermisse und sie sich wiedersehen würden, sobald sie sich eingerichtet habe. Persönlich sei Carola jedoch nicht mehr aufgetaucht, selbst dann nicht, als wenige Tage nach dem Verschwinden ihre Mutter gestorben sei, zu der sie stets ein enges Verhältnis gehabt habe.
42:57
Und das vielleicht mal an dieser Stelle ist ja schon ein bisschen merkwürdig, denn wenn, und das wissen wir jetzt noch nicht offiziell, es sich hier wirklich um Carola handelt, dann hat sie zu dieser Zeit, als ihre Mutter gestorben ist, noch gelebt. Weil der Tod, der ist ja offenbar am 6. November eingetreten. Und ja, da kann man nur mutmaßen, ob sie jetzt irgendwie verhindern wollte, dass sie persönlich auf ihren Mann oder ihre Tochter trifft, die ja dann vermutlich zur Beerdigung gegangen sind.
43:22
Jedenfalls sei Anfang November 2001, also kurz vor Carolas Tod, schließlich die letzte Karte von ihr eingetroffen. Danach habe es kein Lebenszeichen mehr gegeben. Giacomo habe daraufhin noch einige Nachforschungen angestellt und Benedetto schließlich erklärt, herausgefunden zu haben, dass Carola sich mit einem neuen Mann niedergelassen habe.
43:43
Daraufhin habe Benedetto beschlossen, mit Carola und seiner Ehe abzuschließen. Und vielleicht ist ja auch das der Grund, weshalb er gegenüber einer Nachbarin behauptet hat, Witwer zu sein. Wobei ich das schon ein bisschen makaber finde auch.
43:56
Ja, und ziemlich dramatisch.
43:59
Nach Mestre sei er mit Tochter Chiara gezogen, weil er dort ohnehin regelmäßig beruflich zu tun gehabt habe.
44:06
Angeblich hat Benedetto also nicht gewusst, dass seine Frau zu diesem Zeitpunkt bereits anonym auf einem Friedhof in Süddeutschland begraben worden war.
44:16
Die Beamtinnen im Vernehmungszimmer machen Benedetto nun klar, dass sie dringend mit Chiara sprechen müssen. Sie brauchen ihre Aussage und vor allem brauchen sie ihre DNA, um Carola ganz offiziell identifizieren zu können. Benedetto sagt, dass er das Chiara gerne ersparen würde.
44:32
Sie und Carola seien ein Herz und eine Seele gewesen. Seiner Tochter habe das Verschwinden ihrer Mutter damals schwer zugesetzt. Doch da die Polizei nicht locker lässt, stimmt Benedetto schließlich einem Kompromiss zu. In fünf Tagen, am 18. Januar 2004, sollen sie mit Chiara sprechen dürfen. Er würde ein Treffen organisieren und seine Tochter bis dahin auf die schwere Nachricht vorbereiten. Dann verabschieden die ermitteln Benedetto. Ohne, dass er weiß, dass sie heimlich ein benutztes Taschentuch von ihm aus dem Abfalleimer gefischt haben.
45:03
Ja, und das hat den Grund, dass die Polizei Benedettos DNA mit der DNA vergleichen will, die an Carola gefunden wurde. Unter anderem unter ihren Fingernägeln. Die Ermittlungen haben nämlich so ihre Zweifel, ob Benedetto wirklich der schockierte Angehörige ist, der er vorgibt zu sein. Edwin Schupp und Werner Burger haben uns zum Beispiel erzählt, dass sie das komisch fanden, dass Benedetto Carola ausgerechnet an den Nasenlöchern erkannt haben will.
45:27
Und außerdem hielten sie schon seit Beginn der Ermittlungen eine Beziehungstat für naheliegend, weil Carola viel mehr Gewalt angetan wurde, als für eine Tötung nötig gewesen sei. Deshalb hofften sie, dass der DNA-Abgleich mit den männlichen Spuren unter Carolas Fingernägeln Klarheit bringt. Sollte sich Carola gegen den Täter gewehrt haben und diese Spur Benedetto zu zuordnen sein, wären sie einen ganzen Schritt weiter. Doch das Ergebnis fällt anders aus als erwartet. Der Abgleich ist negativ. Benedetto scheidet damit als Verursacher dieser DNA-Spuren und für die Ermittelnden damit auch als Tatverdächtige aus.
46:02
Damit haben die Ermittelnden auch keinen Grund mehr, seine Erzählung vom Verschwinden seiner Frau anzuzweifeln. Wieso also hat Carola damals ihre Familie verlassen?
46:13
Das Gespräch mit den BeamtInnen heilt bei Benedetto nach. Und das nicht nur, weil er gerade erfahren hat, dass Carola getötet wurde. Benedetto macht sich Sorgen um Chiara. Wie wird sie reagieren, wenn sie erfährt, dass ihre Mutter Opfer eines furchtbaren Verbrechens wurde? Wird sie das verkraften? Oder wird sie psychisch daran zugrunde gehen? Benedetto ist hin- und hergerissen. Schließlich ruft er Giacomo an, Chiaras Verlobten, mit dem sie seit mittlerweile sechs Jahren zusammen ist. Telefonisch schildert er ihm die furchtbaren Neuigkeiten und bittet ihn Chiara beizustehen, wenn sie in wenigen Tagen die Todesnachricht ihrer Mutter erhält.
46:49
Giacomo stimmt zu, was Benedetto zumindest ein bisschen beruhigt.
46:54
Bis die Sorge um seine Tochter am 17. Januar 2004 plötzlich einen Höhepunkt erreicht. Einen Tag vor dem geplanten Treffen mit der Polizei meldet sich Chiara frühmorgens telefonisch bei ihm.
47:07
Das Gespräch dauert nur wenige Sekunden. »Papa, ich hab dich lieb«, sagt die 24-Jährige am anderen Ende der Leitung. Dann legt sie auf. Benedetto bekommt es mit der Angst zu tun. Warum ruft seine Tochter ihn an, um ihm das zu sagen? Und warum beendet sie das Telefonat danach sofort?« Der 58-Jährige versucht Chiara zurückzurufen, doch sie nimmt nicht ab. Dafür erreicht ihn wenig später eine SMS, die endgültig Panik in ihm hervorruft.
47:37
Ich hoffe, du kannst mir verzeihen, schreibt sie darin. Addio, ein italienisches Wort, das einen endgültigen Abschied bedeutet.
47:47
Kurze Zeit später spielt sich auf einer Bundesstraße in der Nähe von Bari eine skurrile Szene ab. Mitten im Winter läuft ein Mann, der lediglich Schuhe, Unterhose und T-Shirt trägt, aufgeregt auf und ab und versucht, vorbeifahrende Autos anzuhalten. Als es ihm schließlich gelingt, bittet er darum, den Notruf zu verständigen. Etwas Schreckliches sei passiert. Wenige Minuten darauf treffen Beamtinnen der Karabiniere ein. Seine Verlobte sei tot, verkündete der Mann ihnen aufgelöst. Sie habe sich umgebracht.
48:17
Die PolizistInnen folgen ihm zu einer nahegelegenen Unterführung. Zunächst klicken sie auf ein abgestelltes Auto, dann entdecken sie daneben, auf dem Boden liegend, eine leblose Person. Den BeamtInnen ist sofort klar, sie ist tot. Obwohl die Frau eine Basecap trägt, können die Einsatzkräfte das sternförmige Einschussloch auf ihrer Stirn deutlich erkennen. Zudem liegt neben ihr auf dem Boden eine Pistole. Von dem Mann erfahren die BeamtInnen die Identität der Frau.
48:45
Die Tote heißt Chiara Rossi und sein Name sei Giacomo Pellegrini.
48:51
Nach dem Leichenfund wird Giacomo polizeilich vernommen. Es ist ein Gespräch, bei dem neben italienischen Beamtinnen auch die Kriminalhauptkommissare Werner Burger und Edwin Schupp dabei sind. Schließlich ist mit Chiara nun jene Person tot, mit der sie am morgigen Tag eigentlich über ihre getötete Mutter sprechen wollten. Giacomo erzählt, dass er eine Nachricht von Chiara erhalten habe. Sie habe ihm geschrieben, dass sie sich erschießen wolle und ihn gebeten, zu der besagten Unterführung zu kommen.
49:18
Das sei der Ort, an dem sie das erste Mal miteinander geschlafen hätten. Als der 34-Jährige sich ihr näherte, sei es jedoch passiert. Chiara habe zur Waffe gegriffen und abgedrückt. Seine Kleidung sei danach voller Blut gewesen. Deshalb habe er sie in Tatort näher entsorgt.
49:34
Werner Burger und Edwin Schupp verstehen es nicht. Warum sollte Chiara ihren Verlobten herbestellen, wenn ihr Entschluss, sich zu suizidieren, ohnehin feststand? Und noch viel wichtiger, warum sollte sie sich überhaupt das Leben nehmen wollen? Giacomo redet bereitwillig und hat auf alles eine Antwort. Doch was jetzt kommt, das können die Beamtinnen schon beim Hören kaum glauben. Denn der Grund für Chiaras Suizid sei, so behauptet er, die schwere Last auf ihren Schultern, mit der sie nicht mehr habe leben können.
50:03
Denn sie sei diejenige gewesen, die ihre Mutter Carola im November 2001 getötet habe. Und das wisse er, weil er selbst dabei gewesen sei.
50:13
Giacomo berichtet den Ermittlenden nun vom 6. November 2001, jenem Tag, an dem die Katastrophe ihren Lauf genommen habe.
50:22
Chiara habe sich für diesen Tag mit Carola verabredet. Es sollte das erste Wiedersehen mit ihrer Mutter sein, nachdem sie einige Wochen zuvor das gemeinsame Zuhause in Statte verlassen hatte. Chiara habe Giacomo gebeten, sie zu begleiten. Gemeinsam hätten sie Carola schließlich an einem Bahnhof im österreichischen Innsbruck abgeholt. Sie seien mit dem Auto einfach drauf losgefahren, ohne ein konkretes Ziel. Carola habe neben ihm auf dem Beifahrersitz gesessen, Chiara auf der Rückbank. Irgendwann sei seine Verlobte eingeschlafen.
50:55
Er und Carola hätten sich daraufhin ein paar eindeutige Blicke zugeworfen. Dann, sagt Giacomo, habe er das Auto angehalten und er und Carola seien ausgestiegen. Ein paar Meter vom Auto entfernt unter Bäumen hätten sie dann Sex gehabt.
51:09
Die Ermittler können kaum glauben, was sie da hören. Erzählt Giacomo Pellegrini ihnen gerade tatsächlich, dass er seine Verlobte mit ihrer Mutter auf einer Autofahrt betrogen hat, während sie schlafend im Auto saß? Doch der Schock der BeamtInnen wird noch größer, als der 34-Jährige ihnen klarmacht, dass dies kein geschmackloser One-Night-Stand gewesen sei. Giacomo gesteht, dass er eine Affäre mit Carola hatte. Für lange Zeit habe er nicht nur mit seiner Verlobten Chiara das Bett geteilt, sondern auch mit ihrer Mutter.
51:44
Also, wenn das stimmt, was Giacomo da sagt, wie kann das eine Mutter ihrer eigenen Tochter antun? Mit dem Verlobten zu schlafen, hallo?
51:54
Also, ich bin immer wieder schockiert, wie wenig manche Menschen offenbar imstande sind, ihre sexuellen Bedürfnisse unter Kontrolle zu haben. Bei sowas müsste man ja eigentlich annehmen, dass das ein unbezwingbarer Trieb ist. Aber das ist ja nicht so, sondern das ist ja eine aktive Entscheidung, dem nachzugehen und sich auch in dieses Gefühl von Verliebtheit vielleicht reinzugeben.
52:19
Ja, ich würde ja noch vorher ansetzen. Man kann sich ja auch stoppen, überhaupt solche Gedanken zuzulassen.
52:25
Ja, also naja, wenn das mal so kommt, weil man dann merkt, da ist irgendwie ein Vibe oder so. Das kann ja passieren, würde ich meinen. Nee, glaube ich nicht. Doch.
52:36
Bei einer Mutter und einer Tochter glaube ich nicht, weil da musst du den Partner deiner Tochter ja, so wie man das auch bei den Partnern von den besten Freundinnen macht, von Anfang an als Bruder oder Cousin oder sowas abspeichern.
52:50
Als Bruder oder als Sohn. Genau. Ja, also ich glaube nicht, dass alle Menschen vorher schon entscheiden können, dass andere Menschen keine Anziehung auf sie ausüben oder dass irgendwer deren Aufmerksamkeit erregt. Aber dass sie natürlich, also ich bin jetzt bei Kiaras Mutter, dass sie diese Reaktion wahrnehmen und dann entscheiden können, wie viel Raum gebe ich dem? Und wie verhalte ich mich und was tue ich, um das dann auch ganz schnell wieder zu unterbinden? Und das hat Carola, wenn das stimmt, was Giacomo sagt, ja offenbar gar nicht getan, sondern ist ja auch immer wieder mit den beiden ausgegangen.
53:24
Also in dem Fall hätte sie sich ja total dafür entschieden, dem nachzugehen und ist da so richtig reingegangen. Das finde ich so absurd, weil du kannst sowas unterbinden. Du kannst sagen, um Gottes Willen, was habe ich denn da gerade gedacht und dich so kontrollieren, dass du dem halt nicht nachgehst. Jedenfalls sagt Giacomo, nach dem Sex seien sie weitergefahren. Und auf einer Straße in Süddeutschland sei Chiara dann wach geworden. Sie habe quasi aus dem Nichts Streit mit ihrer Mutter begonnen.
53:54
Richtig aggressiv sei sie gewesen. Es sei um eine finanzielle Angelegenheit gegangen. Giacomo sei daraufhin ausgestiegen und habe sich kurzzeitig vom Auto entfernt. Als er wiedergekommen sei, sei es bereits heftig zur Sache gegangen. Chiara und Carola hätten sich außerhalb des Autos befunden und miteinander gekämpft. Er habe versucht, dazwischen zu gehen und die beiden zu trennen, was ihm aber nicht gelungen sei. Chiara habe heftig auf ihre Mutter eingeschlagen, auch mit einer Sektflasche, die sie zuvor geleert hatten.
54:24
Dann habe sie Carolas Kopf in den Händen gehalten und ihn mehrmals auf den Boden geschlagen. Die 45-Jährige sei schwer verletzt und völlig fertig gewesen, sagt Giacomo. Während er all diese Dinge erzählt, fließen seine Tränen. Er habe Carola noch hochgehievt und ans Auto gelehnt. Außerdem habe er zu Chiara gesagt, dass er die Polizei rufen werde. Doch sie habe ihn gedroht, dass er dafür bezahlen werde, wenn er das wirklich mache.« Carolas geschwächter Körper sei schließlich in sich zusammengesagt. Wieder und wieder habe Chiara gegen ihren Kopf getreten.
54:58
Er habe das alles nicht ertragen können, sagt Giacomo den Beamtinnen. Du kannst sie hier nicht so liegen lassen, man wird sie erkennen, habe er seiner Verlobten klargemacht. Doch die habe nur entgegnet, wirst schon sehen, wie sie sie wiedererkennen. Dann habe sie ihrer Mutter die Kleidung vom Leib gerissen, sich ans Steuer gesetzt und sei über sie gefahren. Mehrmals.
55:20
Nach der Tat hätten sie die Kleidungsstücke von Carola in eine Tüte gesteckt und in einen Fluss geworfen. Dann seien sie zurück nach Italien gefahren und hätten nie wieder über die Geschehnisse der blutigen Novembernacht gesprochen.
55:33
Die Ermittelnden sind schockiert. Es sind furchtbare Dinge, die ihnen Giacomo erzählt. Und auch wenn sie als erfahrene Kriminalbeamte erst mal verdauen müssen, was sie da gerade gehört haben, ist Werner Burger und Edwin Schupp eine Sache sofort klar. Giacomo führt sie an der Nase herum.
55:51
Am 6. Oktober 2005 beginnt vor dem Schwurgericht Brindisi in Süditalien ein aufsehenerregender Prozess. Fast vier Jahre nachdem die entstellte Leiche von Carola Jansen auf einem Schleichweg in Oberbayern entdeckt wurde, ist heute der Tag gekommen, an dem die Umstände ihres Todes juristisch beleuchtet werden. Das Medieninteresse an dem Fall ist gewaltig. Zahlreiche JournalistInnen sind zum Prozessauftakt anwesend.
56:17
Mit ihren Kameras hören sie den Saal in helles Blitzlichtgewitter, als die Person den Raum betritt, die an den kommenden Verhandlungstagen auf der Anklagebank Platz nehmen muss. Giacomo Pellegrini Obwohl der mittlerweile 37-Jährige in seiner polizeilichen Aussage Chiara beschuldigt hatte, ihre eigene Mutter getötet zu haben, ist er derjenige, der sich ab heute für das Verbrechen an Carola verantworten muss. Schon während seiner Vernehmung waren den Ermittlenden einige Sachen schlichtweg unlogisch vorgekommen. Etwa, dass ein erwachsener Mann behauptete, eine zierliche Verlobte nicht davon habe abbringen können, auf ihre Mutter einzuschlagen.
56:53
Doch auch fernab des Vernehmungsraums hat seine Aussageermittlungen nach sich gezogen, die kaum Zweifel daran lassen, dass er derjenige war, der Carola, seine Schwiegermutter in Spee, gewaltsam aus dem Leben gerissen hat.
57:05
Auch Benedetto ist zum Verhandlungsauftakt anwesend.
57:08
Er ist einer der ersten ZeugInnen, die im Prozess aussagen werden. Wie es wirklich in ihm vorgeht, weiß wohl niemand. Doch Fakt ist, seine gesamte Welt wurde im vergangenen Jahr nach und nach in Scherben gelegt. Innerhalb kürzester Zeit verlaubende der Tod die wichtigsten Menschen in seinem Leben. Zunächst erhielt er die Todesnachricht seiner Frau Carola, dann musste er seine geliebte Tochter Chiara zu Grabe tragen. Es sind Schicksalsschläge, die schwer auf ihm lasten. Und als wäre das nicht schon schlimm genug, muss er nun der Tatsache ins Auge blicken, dass ausgerechnet Giacomo für diese Abwärtsspirale in seinem Leben verantwortlich sein soll.
57:42
Jener Mann, den er in seiner Familie willkommen geheißen hatte und der für ihn im Laufe der Zeit nicht nur zum vermeintlich idealen Schwiegersohn, sondern zum echten Freund geworden war.
57:52
Mittlerweile ist klar, Giacomo Pellegrini belog nicht nur Benedetto, sondern die gesamte Familie.
57:59
Sowohl Ermittelnde als auch das Gericht gehen davon aus, dass er tatsächlich ein heimliches Verhältnis mit Carola hatte, das er parallel zur Beziehung mit Chiara führte. Ein Indiz dafür ist vor allem das Verhalten, das Carola zu Lebzeiten an den Tag gelegt hatte. Im Nachgang, so schildert Benedetto ist der Kammer, sei es schon sehr auffällig gewesen, dass seine Frau mehr Wert auf Giacomos Meinung als auf seine gelegt habe.« Sie schien dem Verlobten ihrer Tochter, so formuliert Benedetto es, regelrecht hörig gewesen zu sein.
58:30
Dazu noch das ständige Gekränktsein, wenn Giacomo und Chiara ohne sie ausgingen.
58:35
Doch Chiara und ihre Mutter Carola waren für Giacomo nicht die einzigen Frauen in seinem Leben. Es gab noch eine dritte. Giacomo ist ein verheirateter Mann. Und das war er bereits, als Benedetto ihm 1997 das erste Mal die Tür öffnete. Und er war es auch, als er ein Jahr später um Chiaras Hand anhielt. Wenn Giacomo nicht bei Chiara oder Benedetto zu Hause war, war er in Franca Villa Fontana und verbrachte dort Zeit mit seiner Ehefrau und seinen zwei Kindern. Giacomos Ehefrau hat von seinem Doppelleben nie etwas mitbekommen.
59:08
Vor Gericht schildert sie, dass Giacomo ihr immer weisgemacht habe, beruflich viel reisen zu müssen. Daher habe sie ihm geglaubt, wenn er wegen einer vermeintlichen Geschäftsreise wieder einmal ein paar Tage abwesend war. Doch solche Geschäftsreisen hat es ebenso wenig gegeben wie die angebliche Doktorarbeit im Ausland.
59:26
Giacomo selbst macht auf der Anklagebank einen erschöpften, nahezu fragilen Eindruck. Der einst stattliche Mann ist dünn geworden. In den Monaten nach seiner Verhaftung hatte er aufgehört zu essen und war depressiv geworden. Man hatte ihm daher gestattet, die weitere U-Haft in einer betreuten Einrichtung statt in einem regulären Gefängnis zu verbringen. Giacomos Verteidigung macht klar, dass ihr Mandant trotz seines angeschlagenen Zustands aussagen wird.
59:52
Der 37-Jährige beginnt schließlich zu erzählen. Lang und breit schildert er der Kammer, wie er als Zusteller der Steuerdirektion damals vor Benedettos Tür gestanden habe, wie er die ganze Familie kennengelernt habe und mit Chiara zusammengekommen sei. Allerdings behauptet Giacomo, dass Chiara sehr wohl gewusst habe, dass er verheiratet gewesen sei. Da habe er nie ein Geheimnis draus gemacht.
60:15
Es stimme auch, dass sie sich 1998 verlobt hätten. Doch bereits ein Jahr später sei ihre Beziehung zu Ende gegangen und sie hätte nur noch eine Freundschaft miteinander verbunden.
60:25
Eine Behauptung, die sich im Prozess schnell als Lüge entkräften lässt. Die Verteidigung legt dem Gericht Textnachrichten vor, die Giacomo Chiara Anfang des Jahres 2002 geschickt hatte und die eine eindeutige Sprache sprechen. Zitat. Und jetzt wird es romantisch, also passt auf, dass euch nicht das Herz zu sehr aufgeht.
60:45
»Ich habe das Schicksal um einen Schluck Wasser gebeten und es ist ein Fluss gekommen, um ein Büschel Gras und es ist eine Wiese gewachsen.« Um einen süßen Traum und ich habe dich kennengelernt.
60:57
Ja, auf sowas kann ich verzichten. Ja, weil dann höre ich auf, dir solche Liebesbotschaften zu schicken.
61:03
Das hast du mir noch nie gesagt. Ja, kannst du dir für jemand anderen aufwarnen.
61:07
Und weiter heißt es, ich weiß nur zwei Dinge, dass du etwas Besonderes bist und dass ich dich liebe.
61:14
Lügen scheinen sich wie ein roter Faden durch Jackmus Leben zu ziehen. Und auch seine Schilderung, wie Chiaras Mutter Carola zu Tode gekommen sei, kann die Anklage mit forensischen Beweisen entkräften.
61:25
Nach dem Leichenfund von Carola hatte die Rechtsmedizin männliche DNA-Spuren unter ihren Fingernägeln und an ihrer später gefundenen Kleidung sichergestellt. Sie alle stammen nachweislich von Giacomo. Von Chiara dagegen wurden keine genetischen Spuren gefunden. Daher ist es ausgeschlossen, dass sie, wie Giacomo behauptet, einen gewaltsamen Konflikt mit ihrer Mutter hatte. Außerdem belegen Giacomos Handydaten, dass er sich in der Tatnacht auf deutschem Boden befand, während Chiaras Mobiltelefon in Italien eingeloggt war.
61:55
Chiara war also höchstwahrscheinlich noch nicht einmal dabei, als ihre Mutter ihre letzten Atemzüge tätigte. Doch warum dann ihr Suizid? Nicht nur das Gericht hat die Vermutung, dass Chiaras Tod womöglich überhaupt nicht freiwillig war. Die Schusswunde auf ihrer Stirn war für einen Suizid nämlich sehr untypisch platziert. Der Schuss war mittig platziert und wurde abgegeben, als die Waffe direkt auf die Stirn angesetzt war. Mit Basecap sei diese Positionierung schwer umsetzbar. Außerdem hatte die Waffe eine spezielle Sicherung.
62:25
Um sie zu lösen und zu schießen, hätte Chiara die Pistole mit beiden Händen greifen und dann in der ganz komischen Handposition an die Stirn setzen müssen. Chiaras Umfeld hatte beschrieben, dass die 24-Jährige in den Tagen vor ihrem Tod gelöst und gut gelaunt gewirkt habe. Keinesfalls so, als würde sie etwas belasten. Und außerdem fehlt von Giacomos blutverschmierten Kleidungsstücken seltsamerweise jede Spur. Dabei hatte er sie doch angeblich nach Chiaras Suizid in Tatortnähe entsorgt.
62:54
Es gibt also mehrere Unstimmigkeiten an der Suizidgeschichte. Hat Giacomo Chiara Vonocchi aus dem Leben gerissen und es wie ein Suizid aussehen lassen, damit er ihr den Mord an Carola in die Schuhe schieben kann? Hat er sie dazu genötigt, ihren Vater kurz anzurufen, um ihm ein letztes Ich-hab-dich-lieb mitzuteilen und ihm dann eine alarmierende Abschieds-SMS zu schreiben? Die Kammer hält es durchaus für möglich. Doch darüber wird ein anderes Gericht zu einem späteren Zeitpunkt entscheiden müssen. Denn in diesem Verfahren geht es nur um die Tötung von Carola.
63:25
Und dafür muss die Kammer in Brindisi der Frage nachgehen, warum Giacomo Carola in der Nacht zum 6. Januar 2001 getötet haben könnte.
63:34
Für die Anklage ist es durchaus denkbar, dass Giacomos intime Beziehung zu beiden Frauen dabei eine Rolle spielte. Womöglich drohte sein lüsternes Spiel aufzufliegen. Vielleicht hatte er, nachdem Carola aus welchen Gründen auch immer die Familie verlassen hatte, weiterhin Kontakt mit ihr und sie drohte ihm ihrer Tochter von ihrem Verhältnis zu erzählen.
63:55
Eine andere Möglichkeit ist, dass es um Geld ging. Trotz seiner freiberuflichen Tätigkeit als Vermessungstechniker und seinem Nebenjob für die Steuerdirektion – diese Tätigkeit übte er tatsächlich aus – waren Giacomos Einnahmen in den vergangenen Jahren überschaubar. Sie lebten in sehr bescheidenen Verhältnissen, berichtet seine Ehefrau dem Gericht. Vermutlich, sagt sie, hätten sie sogar Anspruch auf Sozialhilfe gehabt. In seinem zweiten Leben mit Chiara hatte Giacomo dagegen ein deutlich komfortableres Leben ohne finanzielle Sorgen.
64:26
Er durfte regelmäßig auf Autos zurückgreifen und bekam von Benedetto hin und wieder sogar Geld geliehen. Geld, das er nie zurückzahlte.
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Und auch von Carola profitierte er nachweislich finanziell. Die Ermittlungen haben zu Tage geführt, dass Giacomo und Carola im Juni 2001, fünf Monate vor der Tat, gemeinsam in der Schweiz waren. Carola hatte dort in der Vergangenheit Geld angelegt, das sie von ihrem verstorbenen Vater geerbt hatte. In Begleitung von Giacomo hob sie es ab, um es nach Italien zu bringen. Umgerechnet etwa 250.000 Euro führten sie auf dem Rückweg nach Italien mit sich.
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Doch an der Grenze wurden sie von einem Zollbeamten angehalten und kontrolliert. Dabei fiel auf, dass Carola das Geld nicht angemeldet hatte und es den zulässigen Freibetrag zur Einführung überschritt. Der Zoll kassierte das Bargeld daraufhin und verdonnerte Carola zu einer Strafzahlung. Die übrig gebliebenen rund 150.000 Euro wurden daraufhin ihrem Konto gutgeschrieben.
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Doch im Zuge der Ermittlungen wurde genau diese Summe auf insgesamt 13 Sparbüchern von Giacomo gefunden, die er nach der Fahrt in die Schweiz nach und nach unter unterschiedlichen Namen eröffnet hatte. Die Anklage geht davon aus, dass Giacomo das Geld für Carola aufbewahren sollte. Als sie es bei einer Autofahrt durch Deutschland aber zurückforderte, habe er sich geweigert und sei zur Tat geschritten.
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Giacomo ist ein Mann, der mit allen Wassern gewaschen ist. Das hat der Prozess deutlich gezeigt. Er hat das Vertrauen einer Familie erschlichen und ein jahrelanges Doppelleben geführt. Giacomo weiß offensichtlich genau, wie er Menschen von sich überzeugen und für sich gewinnen kann. Und dieser Masche hat er sich selbst nach seiner Verhaftung noch bedient.
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Eine Psychologin aus der betreuten Einrichtung, in der Giacomo aktuell seine Urhaft verbringt, beschreibt ihn als Menschen, der die, Zitat, Fähigkeit besitzt, Personen zu hintergehen und einzuwickeln. Das treffe vor allem auf Frauen zu, mit denen er in Kontakt trete, um ein Vertrauensverhältnis zu schaffen, aus dem er Vorteile ziehen könne. Im Laufe seiner Urhaft, so die Psychologin, habe Giacomo großes Interesse an dem weiblichen Personal der Einrichtung gezeigt.
66:35
Er habe Mitarbeiterinnen Avancen gemacht und sogar sexuelle Angebote unterbreitet. Mit einer Angestellten habe er besonders intensiven Kontakt gehabt und sogar außerhalb ihrer Arbeitszeit immer wieder telefoniert. Nach eineinhalbjähriger Verhandlung ist sich das Gericht schließlich sicher, Giacomo ist nicht nur ein Lügner und Manipulator, sondern auch ein Mörder.
66:57
Am 12. März 2007 fällt das Schwurgericht in Brindisi daher ein Urteil, das für alle Anwesenden keine große Überraschung ist. Giacomo wird des Mordes an Carola Jansen schuldig gesprochen. Die Kammer hält es für erwiesen, dass er sie vor fünfeinhalb Jahren während einer Autofahrt attackierte, wirkte und sie Schleswig mehrmals mit dem Auto überrollte. Dafür sprechen sowohl die enormen Verletzungen, die die Wucht des Autos verursachte, als auch die Reifenspuren auf ihrem Rücken, die den Ermittelnden am Tatort ins Auge fielen.
67:29
Warum Giacomo und Carola letztendlich in der Nacht zum 6. November 2001 auf süddeutschen Straßen unterwegs waren, konnte nicht geklärt werden. Doch juristisch tut es ohnehin nichts zur Sache.
67:42
Das Gericht verurteilt den Ende-30-Jährigen zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe. Doch damit ist die Geschichte noch nicht zu Ende. Zwei Jahre später, 2009, wird in einem Abwasserkanal Giacomos Kleidung gefunden. Jene Klamotten, von denen er sagte, sie seien Blut verschmiert, die er nach Geras angeblichem Suizid laut eigener Aussage ausgezogen und entsorgt hatte.
68:03
Eine Sache fällt dabei ganz deutlich auf. Die Kleidungsstücke sind nicht voller Blut. Nicht ein Tropfen befindet sich darauf. Dafür werden auf den Textilien Schmauchspuren von der Tatwaffe sichergestellt, die nahelegen, dass Chiara nicht selbst abgefeuert hat, sondern Giacomo. Ein Gericht in Bari entkräftet den angeblichen Suizid 2011 schließlich endgültig. Es kommt zu dem Entschluss, dass Giacomo seine damalige Verlobte Chiara tötete, um ihr den Mord an Carola in die Schuhe schieben zu können.
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Auch in diesem Fall spricht es Giacomo daher des Mordes schuldig. Als zweifacher verurteilter Mörder sind die Weichen für sein weiteres Leben klargestellt. Erst in 26 Jahren, so sieht es das italienische Gesetz vor, wird Giacomo erstmals einen Antrag auf Haftentlassung stellen können.
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Bis dahin wird sich sein Leben hinter Stacheldrahtzaun und Gitterstäben abspielen.
68:57
Zwei Jahre. So lang hat es gedauert, bis Carola Jansen identifiziert werden konnte. Jahrelang war sie nur die unbekannte Tote aus Garmisch-Partenkirchen. Eine Frau, die für die Emmedinden einem Phantom glich und die offenbar von niemandem wirklich vermisst wurde. Doch Carola war mehr als das. Sie war Schmuckhändlerin, Mutter, Ehefrau und sie war eine Frau mit Geheimnissen, wissen die Ermittlenden heute. Und der Mann, der ihr größtes Geheimnis war, brachte ihr letztendlich den Tod.
69:28
Giacomo Pellegrini hat die gesamte Familie zerstört.
69:31
Diese Erkenntnis ist vor allem Benedetto nach zwei Gerichtsverfahren geblieben. Der Mann, den er für seinen Freund und Vertrauten hielt, hat ihn all die Jahre hintergangen. Er hat mit Carola geschlafen, seiner Tochter Chiara die große Liebe vorgespielt und letztendlich hat er beide Frauen getötet und Benedetto damit das Liebste genommen.
69:51
Benedetto kann sich noch gut an jene Tage im Spätsommer 1997 erinnern, wie Giacomo zunächst mit Steuerunterlagen und kurz darauf dann mit Blumen für Carola und Chiara vor seinem Haus gestanden hatte. Von diesem Tag an stand seine Tür für Giacomo immer offen. Doch vermutlich wünscht sich Benedetto heute, er hätte den Mann, der seine Familie ausgelöscht hat, nie hereingebeten.
70:16
Also so Menschen wie Giacomo, die andere so beeinflussen können, die machen mir richtig dolle Angst.
70:24
Ich finde es dann halt auch interessant, dass er das nicht nur über so eine sexuelle oder romantische Ebene schafft, sondern offenbar auch über eine freundschaftliche Ebene Männern gegenüber schafft.
70:35
Ja, Werner Burger und Edwin Schupp haben uns ja auch erzählt, dass Benedetto echt Schwierigkeiten hatte, am Anfang zu akzeptieren, dass Giacomo der Täter ist. Und dass der wohl anfangs immer wieder meinte, dass das nicht sein könnte, weil das ja so ein guter Freund von ihm sei.
70:49
Ja, und man traut so eine Durchtriebenheit ja auch Menschen irgendwie nicht zu. Also ich denke mir zumindest immer so, kann ja nicht sein, dass Menschen so sind. Aber ist natürlich auch sehr naiv. Aber ich kann schon verstehen, dass er damit Probleme hatte, das anzuerkennen, weil er damit ja gleichzeitig total anerkennen musste, dass er sich getäuscht hat, auch so doll in dem.
71:11
Ja, zu Benedetto an sich hatte ich natürlich aber auch irgendwie einige Fragen. Also der war ja auch bei den Ermittelnden dann da kurzzeitig so ein bisschen auf dem Schirm. Er wurde zwar nie offiziell verdächtigt, aber allein diese Tatsache, dass er dann auch der Nachbarin erzählt, er sei Witwer, da fragt man sich ja schon, Warum erzählt er das eigentlich? Ich meine, vielleicht war es ihm ja auch unangenehm zu sagen, meine Frau hat mich verlassen und ich weiß gar nicht warum. Kann ja natürlich auch sein.
71:40
Ja, und dass man halt auch wirklich gar nicht so richtig nach Carola gesucht hat. Ich meine, er hat ja schon mitbekommen, dass Chiara auch keinen Kontakt mehr zu ihr aufbauen konnte. Da hätte man schon auch mal zur Polizei gehen können. Naja, zumal die beiden ja auch offenbar ein sehr inniges Verhältnis hatten. Ja, oder Chiara hat irgendwie doch mitbekommen, dass die Mutter eine Affäre mit Giacomo angefangen hat. Das wissen wir ja nicht.
72:06
Nee, das wissen wir nicht. Auch nicht, dass, wenn sie das wusste, wie und wann sie das herausgefunden hat. Aber das würde ja auch bedeuten, dass sich Chiara trotz dessen dazu entschieden hätte, weiter mit Giacomo zusammen zu sein.
72:20
Jetzt könnte das natürlich so sein, dass Chiara davon erfahren hatte, als ihre Mutter noch lebte, deswegen dann auch irgendwann den Kontakt selbst abgebrochen hatte, Und dass Giacomo, als er dann erfahren hatte, dass jetzt offenbar rauskommt, dass Carola tot ist, Panik hatte, weil er wusste, dass Chiara der Polizei ja sagen könnte, dass die beiden eine Affäre hatten und er dann als Täter deswegen in Frage kommt und er dann ja auch überprüft worden wäre. Ja.
72:47
Was mich aber noch umtreibt, ist Chiaras letzter Anruf an ihren Vater. Also wieso ruft sie ihn an und bittet um Verzeihung? Also das hat ja eigentlich erstmal in das Suizidmärchen von Giacomo gepasst, weil man ja denken könnte, dass sie sich entschuldigt, dass sie ihren Vater jetzt allein auf der Welt ist oder so. Vielleicht wollte sie ihn ja aber auch um Verzeihung bitten, weil sie was vor ihm verheimlicht hat. So oder so finde ich aber, dass sich dieser Anruf wie ein Abschied anhört und da habe ich natürlich schon irgendwie große Sorge, was sie vielleicht vorher auch durchleben musste mit ihrem Verlobten.
73:23
Ja, mit jemandem, der so eine Brutalität an den Tag legen kann. Also imstande ist, so eine Tat zu vollbringen an der Mutter.
73:33
Ja, also man sieht es in dieser Geschichte, obwohl ja jetzt beide Tötungsdetikte aufgeklärt wurden, sind noch voll viele Fragen offen, die man vermutlich nie beantworten können wird, ja.
73:41
Und was ich so schlimm finde, ist, dass Carola dann ewig lang nicht identifiziert wurde und dann beerdigt werden musste, ohne dass irgendjemand von ihrer Familie da sein konnte und ihr irgendwie die letzte Ehre erweisen konnte.
73:59
Nächste Woche hört ihr hier von einem tiefen Fall. Fall im Sinne von Fallen und nicht im Sinne von Kriminalfall, der einige Fragen aufwirft und um denen sich drei verschiedene Theorien bilden, wie dieser Fall zustande gekommen sein könnte.
74:17
Bis dahin. Bis dann. Tschüss.
74:22
Das war ein Podcast der Partner in Crime in Zusammenarbeit mit Studio Bummens. Hosts Paulina Graser und Laura Wohlers. Redaktionelle Leitung John Hanschin und wir. Redaktion Jennifer Fahrenholz und wir. Schnitt Pauline Korb. Rechtliche Abnahme und Beratung Abel und Kollegen.
74:46
Stopp, bevor ihr jetzt irgendwo anders hinschaltet, ganz kurz, sorry, ihr kennt wahrscheinlich diese Stimmen gerade nicht oder wisst sie nicht einzuordnen, es sind die Stimmen von den Dudes, von Niklas und David. Hallo, wir haben eine ganz kurze Anmerkung und zwar, falls ihr mal eine Auszeit braucht für euer Gehirn, dann hätten wir da was für euch. Wir sind quasi die Stadtranderholung für eure Ohren und würden euch einfach einladen, bei uns mal vorbeizuschauen und ein bisschen einzutauchen, abzutauchen, reinzutauchen, weiter zu schwimmen, um nicht wirklich etwas zu lernen, aber einfach mal sich berieseln zu lassen.
75:15
Bei uns gibt es einen Probemonat für Umme. Also ihr kriegt jetzt hier euren Probemonat für Umme, indem ihr einfach jetzt rüber geht bei Dudes, der Podcast und einfach mal eine Folge anhört, for free. Und dann, wenn die euch gut gefallen hat, kriegt ihr die nächsten 700 Folgen auch for free. Also ihr kriegt quasi Anschluss.
75:33
Auch für Oma. Ist alles umsonst. Dieser Podcast beinhaltet absolut keine Abo-Falle, sondern nur Good Vibes. Ja, ist crazy.
75:40
Kriegt man ja heutzutage kaum mehr irgendwo. Überall muss sich irgendwo anmelden. Hier noch eine E-Mail-Adresse, wenn du kippen willst oder so ein Schmarrn auf irgendeinem Festwill. Nein, wir sagen dazu nein. Keine Anmeldegebühr, keine Kreditkarte, kein Quatsch. Kein Blödsinn. Das war auf der gleichen Seite wie ich, oder? Ja, das war die selbe Seite. So, jetzt Mütter in eurer Nähe. Bei den Dudes. Viel Spaß.